Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber Scheitern ist ein Teil meines Lebens. Und das meine durchaus positiv. Gerade hatte ich ein Gespräch mit einer Kundin über das Scheitern. Dabei ist mir aufgefallen, dass es unterschiedliche Formen von Scheitern auch in meiner Vorstellung gibt.

 

Ist Scheitern positiv oder negativ?

Was meine ich denn mit dem Scheitern, dass ich als positiv oder als negativ bewerte? Ein konstruktives und ein existenzielles Scheitern? Je länger ich mich damit beschäftige, desto klarer wird: Scheitern gehört zu den Erfahrungen, die keinen Spaß machen. Gleichzeitig verbinde ich mit diesem Frust auch meine größten Erfolge. Also ist es eine Frage der Sichtweise?

Mein erstes positives „Scheiter-Erlebnis“ an das ich mich erinnern kann, muss mit drei Jahren gewesen sein. Ich wollte einen Schmetterling farbig ausmalen. Ich erinnere mich, dass ich sehr konkrete Vorstellungen an die Farben hatte, da ich extrem stolz auf die Zeichnung war: Der Schmetterling sollte hellblau und rosa werden. Einen rosa Stift konnte ich nicht finden, da nahm ich aus Ungeduld einen orangen Stift. Orange gehörte nicht zu meinen Lieblingsfarben und ich erinnere mich noch an das unzufriedene Gefühl, als der Schmetterling orange wurde. Trotz Unbehagen habe ich weitergemacht und mit dem hellblauen Stift ausgemalt. Und siehe da: ich war begeistert. Hellblau und orange sahen zusammen super aus! Seitdem ist das eine Farbkombination, die ich mit Scheitern und Erfolg verbinde.

Scheitern bedeutet für mich weitermachen.

Jeder kennt die Geschichte von Edison und der Glühbirne („Ich habe nicht versagt. Ich habe nur zehntausend Wege gefunden, die zu keinem Ergebnis führen.“ Thomas Alva Edison ). Alles gut in der Theorie. Scheitern ist eben oft auch Frustration und es braucht Willensstärke dann weiterzumachen. Alle großen und kleinen Persönlichkeiten lernen durch scheitern. Für meine Person ging es nicht nur in der Schule mit dem Scheitern weiter. Das Studium und die Malerei hat mich oft an meine persönlichen Grenzen gebracht. Was ist wichtig, was verfolge ich? Mein Perfektionismus erlaubte keine Sackgassen – ja, hasste das Scheitern. Im Design und in der Kunst gibt es kein richtig und falsch. Es gibt Meinungen und Persönlichkeiten, die diese vertreten. Weitermachen war die einzige Alternative und so „formte“ ich mich durch die Semester.

Als Art-Direktorin war es meine Aufgabe Ideen und Strategien täglich „auszuspucken“. Wurden Entwürfe bei einer Präsentation abgelehnt, war dieses Scheitern sogar zeitweise so schmerzhaft, dass ich den Spaß am Beruf verloren glaubte. Warum? Weil ich diese „Misserfolge“ nicht auf meine Arbeit bezog, sondern auf mich persönlich. Ich bezog das Scheitern nur auf den Moment, der besagte: Du hast verloren! Du warst nicht gut genug! War ich bereit daraus zu lernen? Gab es etwas zu lernen? Ja, hätte es. Die Arbeit war gut. Zeit und mein Gegenüber haben eben nicht gepasst oder ich hatte Aspekte im Bezug auf die Aufgabe nicht berücksichtigt.

 

Also ist das „gute“ Scheitern nicht so universal?

In der Malerei habe ich gelernt auf das zu achten was ist. Ich scheitere hier auch regelmäßig: ein Gesichtsausdruck ist falsch, eine Farbfläche „unmotiviert“….Das Scheitern am Augenblick ist eine Forschungsoase. Nach der Frustration kommt die Einsicht. Ich weiß es und habe gelernt darauf zu vertrauen, auch wenn meine Laune unterirdische sein kann. Künstler und Wissenschaftler wie Mozart, Beethoven, Picasso oder Einstein lernten aus Scheitern mehr als auch ihren Erfolgen (ok, teilweise haben sie ihre Erfolge auch nicht mitbekommen). Leicht gesagt, denn bisher war mein Scheitern auch noch nicht existenziell.

“Wer noch nie einen Misserfolg hatte, hat noch nie etwas Neues versucht.”
Albert Einstein, Wissenschaftler der theoretischen Physik (1879-1955)

Reinhold Messner sprach in einem Interview davon „Wir lernen fast nur durch das Scheitern.“. Sein Scheitern hätte ihn fast sein Leben gekostet. Beginnt hier das negative Scheitern? Ist ein mit schlechten Assoziationen belegtes Scheitern immer eine Sackgasse? Am Ende hat jeder fast immer die Wahl sich umzudrehen. Vielleicht ändern sich die Voraussetzungen und schenken damit neue Perspektiven. Evolution, oder? Dann gibt es aber auch Verlierer…

 

Scheitern ein Tabu im Unternehmen?

Auf vielen Unternehmenswebseiten liest man, dass Unternehmen innovativ sind und dass der Mensch im Zentrum steht. Aber darf hier auch gescheitert werden? Geht agil überhaupt ohne Misserfolge und neue Versuche? Trauen wir uns das überhaupt? Was sind die Konsequenzen? Meine Gesprächspartnerin fragte mich vorhin: „Ist es dann ok, wenn ich meine Kennzahlen nicht erreiche?“ Ja und nein. Scheitern darf keine Entschuldigung sein, Scheitern muss als Chance genommen werden. Meine Meinung ist, dass wenn ich bereit bin mir anzuschauen, warum Zahlen nicht erreicht wurden und Schlüsse daraus ziehe möchte, dass dann jeder Misserfolg zu einem Erfolg werden kann. Und damit sind wir wieder bei der inneren Haltung. Unter diesem Blickwinkel wird jede Sackgasse, jedes Projekt, dass nicht realisiert wurde zu Kapital. Es muss nur gesehen und genutzt werden. Und das in jeder Hierarchieebene.

Die Kunst des Scheiterns ist pure Kreativität und Innovation

Je länger ich mich mit der Thematik beschäftigt habe, umso klarer wurde mir: Ich bin ein Scheiter-Fan. Aber bestellen würde ich Scheitern nicht! Im Design Thinking und Creative Thinking, wie ich sie in meinen Workshops anwende ist das Scheitern und Erneuern das zentrale Element: betrachte, hinterfrage, träume, experimentiere und beginne wieder von vorne. Auf diesem Weg finden sich so viele Lösungen für Herausforderungen. Auch wenn sich diese Sichtweise für den einen oder anderen nach Selbstbetrug anhört oder „rosarote-Persönlichkeitsentwicklungs-Brille“. Wenn ich Scheitern akzeptiere, fördere ich meine eigene Superkraft.

 

Scheitern als Chance: Kreativität zieht Innovation an!

Projekte an denen ich scheitere oder in eine Sackgasse laufe notiere ich mir gerne auf meinen „Chancen-Karten“. Diese hänge ich mir gut sichtbar im Studio auf. Für mich sind diese Karten sehr motivierend und immer, wirklich immer fällt mir irgendwann eine Lösung ein, die dann auch um so vieles besser ist. Für mich ist es eben eine Frage der Sichtweise. Dream on –  you’re halfway there! Lasst uns Scheitern und erfolgreich sein!

 

Zitate zum Thema Scheitern.

“Wenn wir uns erlauben zu scheitern, erlauben wir uns gleichzeitig, uns selbst zu übertreffen.”
Eloise Ristad, Musik-Erzieherin (1925-1985)

In meiner Laufbahn habe ich mehr als 9.000 Würfe verschossen. Ich habe fast 300 Spiele verloren. 26 Mal war ich derjenige, der das Spiel gewinnen konnte und ich habe daneben geworfen. Ich bin immer und immer wieder gescheitert. Und genau deshalb bin ich erfolgreich.“
Michael Jordan, Basketball-Spieler (*1963)

“Das größte Risiko ist, kein Risiko einzugehen. In einer Welt, die sich unglaublich schnell verändert, ist – keine Risiken zu wagen – die einzige Strategie, die garantiert scheitert.”
Mark Zuckerberg, IT-Unternehmer und Mäzen (*1984)

“Wenn Du immer tust, was Du immer getan hast, bekommst Du immer, was Du immer bekommen hast.”
Mark Twain, Schriftsteller (1835-1910)

“Ein Erfinder scheitert 999 Mal. Aber wenn er einmal Erfolg hat, ist er dabei. Er sieht seine Misserfolge einfach als Zielübung.”
Charles F. Kettering, Ingenieur, Wissenschaftler, Erfinder und Philosoph (1876-1958)

“Wer einen Fehler macht und ihn nicht korrigiert, begeht einen zweiten.”
Konfuzius, Philosoph (551-479 v. Chr.)